å Wo zwei alte Türme ragten ...


Geschichte » 1920 - 1934 » 1932 Zwei alte Türme

Wo zwei alte Türme ragten ...

Aus: Altera Maria, 2. Jahrg., Nr. 2 vom 2. Juli 1932, S. 54 f.

Purpurrot ging die Sonne unter. Ihr Glanz war so schön, so leuchtend und so groß, daß sich das feine Rot bis weit in den Himmel wiederspiegelt. Die Tannenspitzen streckten sich ein bißchen höher, um recht in Glanz eingetaucht zu werden. Ganz bekümmert stand der alte Turm in dieser Pracht. Der Mond kam eben hervor und schaute gleich nach seiner alten Freundin, der Ruine des ehemaligen Klosters Schönstatt. Aber – was war das? Es war ja nur ein Turm da? Und wie sah der nur aus! Ganz traurig und mutlos schaute er drein. Was sollte das wohl heißen?

„Grüß dich Gott, du Alter!“ Er bekam keine Antwort. „Na, du hörst wohl nicht? Was ist um dich geschehen?“ Aber der Turm schien so bekümmert zu sein, daß er alles unbeachtet ließ. Noch einmal sagte der Mond: „Grüß Gott!“ Endlich bekam er Antwort mit einem großen Seufzer. „Grüß Gott!“ – „Ei“, sagte der Mond, „was hat man bloß mit deinem Bruder angefangen?“

Nun fing der alte Turm an: „Ach, mein Zwillingsbruder ist heute eingefallen. 700 Jahre haben wir ganz treu zusammengehalten, haben alles miteinander gemeinsam erlebt, und nun ist er fort!“

Der Mond konnte es gar nicht fassen und fragte: „Wie – der Turm – eingefallen? Sag mir doch, wie alles kam.“

„Es war heute mittag, 10 Minuten vor 12 Uhr. Ich glaube, das Datum vergeß’ ich nie, den 21. März 1932! Man wollte meinen Bruder stützen; du weißt ja, daß wir eben schon sehr groß gewachsen, da fällt uns halt jetzt im Alter das Stehen ein wenig schwer. Um uns aufrecht zu erhalten, wollte man uns stützen. Als man gerade damit begann, muß wohl mein Bruder einen Schwindelanfall bekommen haben, und er fing an zu wanken. Da rief ein Mann denen, die sich gerade auf dem Platz aufhielten, zu, damit sie beiseite gingen, und – schon stürzte mein getreuer Gefährte in sich zusammen.“

„Ist er denn mit einem Male umgefallen?“ – „Ganz langsam ist er in sich zusammengefallen. Sein Haupt, die Menschen nennen es Kuppel, hat er bis zum Schluß ganz aufrecht getragen, bis er sich wirklich nicht mehr halten konnte. Und seine sterblichen Überreste, – da unten liegen sie. Wenn du einmal ein bißchen heller scheinst und hinter das Haus guckst, dann kannst du sie sehen.“

Der Mond tat das dann auch. Er schüttelte immerfort seinen Kopf, weil er nicht begreifen konnte, daß der alte Turm nun allein stehen sollte. Dann fragte er: „Sag mal, ist denn nichts passiert?“ – „Nein“ war die Antwort. „Aber du hättest einmal da hinüberschauen sollen in das Noviziatshaus, in das Studierzimmer der Novizinnen! Die haben ein Geschrei gemacht, daß ich ordentlich erschrak. Sie hatten gerade geistliche Übung. Eine der Novizinnen sah, wie mein Bruder einstürzte, und sagte es den andern. Die dachten natürlich gleich, das ganze Haus stürzt ein – schrieen, sprangen von ihren Stühlen auf und rannten zur Tür hinaus. – Und als sie mir dann ihre Beileidsbesuche machten, hatten sie noch ganz schreckensbleiche Gesichter.“

„Das kann ich mir gut vorstellen“, meinte der Mond. „Ach“, schloß der Turm seinen Bericht, „so sollte ich ein Opfer werden, und nun muß ich so ganz allein sein? Vielleicht sollte mein toter Bruder den Menschen eine kleine Predigt sein für die stille Karzeit (Anmerkung: Der Einsturz geschah am Montag in der Karwoche 1932; in die Karwoche fällt immer Vollmond.). Alles muß fallen, was nicht fest ist, was morsch und unbrauchbar ist.“

Dem Mond tat der Schmerz des alten Getreuen so weh, daß er sich überlegte, wie er ihn wohl ein bißchen trösten könne. Da fiel ihm weiter nichts ein, als ganz hell für den armen Traurigen zu leuchten; das hat er auch die ganze Nacht treulich getan. Und ich glaube, der alte Turm hat sich herzlich darüber gefreut.

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